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Die etwas unscharfe Medienkonferenz

Christian Beck

Am Donnerstag hat SRF in einer virtuellen Medienkonferenz ausgewählte Programm-Highlights für das Jahr 2021 vorgestellt (persoenlich.com berichtete). Technisch funktionierte alles einwandfrei. Dramaturgisch war die Veranstaltung etwa so spannend wie eine Mathestunde in der Primarschule. «Mein Gesicht schläft ein», mailte mir ein Journalist eines anderen Mediums. Und wer auf intime Einblicke in die Stuben der Programmschaffenden hoffte, wurde enttäuscht.

Immerhin: SRF scheint dazugelernt zu haben. Anfang Oktober gab es zum geplanten Stellenabbau eine Telefonkonferenz. «Es war eine Telefonkonferenz, wie man sie sonst nur mit Arbeitskollegen abhält», schrieb der Tages-Anzeiger damals dazu. «Eine Stunde lang Chaos.» Störungen, Zwischenrufe, Husten, Hintergrundgeräusche.

Am Donnerstag war alles klar strukturiert. Zuerst gab es einen Video-Livestream – Zwischenrufe also unmöglich. Stefan Wyss, Leiter der SRF-Medienstelle, begrüsste die rund 20 Medienschaffenden und übergab nach einigen technischen Instruktionen das Wort an seine Chefin. SRF-Direktorin Nathalie Wappler ihrerseits freute sich «über das zahlreiche Erscheinen», vor ihr stand ein Wasserglas mit Valser-Aufdruck (ein dezentes Product Placement – oder kann sich SRF keine unbedruckten Gläser leisten?). Wappler bedauerte, dass Wyss und sie alleine im Studio seien – eine Folge von Corona. Die Programm-Highlights wurden anschliessend von Geschäftsleitungsmitgliedern vorgestellt, zugeschaltet per Webcam.

ImStudio


Nun ja, so manche Journalistin und mancher Journalist dürfte gehofft haben, dass man jetzt sehen wird, wie Tristan Brenn, Chefredaktion Video, zu Hause eingerichtet ist.
Hat er sein Homeoffice im Kinderzimmer? Sitzt Kulturchefin Susanne Wille vor einer Bücherwand, Reto Peritz (Abteilung Jugend, Familie, Unterhaltung) in der Küche oder Sportchef Roland Mägerle vor einem Kunstgemälde? Nichts war zu sehen. Sie alle hatten ihre Hintergründe weichgezeichnet. Nur bei Lis Borner, Chefredaktion Audio, waren einige Pflanzen auszumachen. Und es sah eher danach aus, als ob sie nicht von zu Hause aus, sondern aus dem Büro zugeschaltet war. Oder war der Hintergrund in etwa gar nicht echt, sondern nur ein Foto? Und die Pflanzen, die zu sehen waren, stehen eigentlich in einem Büro in New York?

Zum Schluss des Livestreams meldete sich Stefan Wyss wieder zu Wort. Um Fragen stellen zu können, wechsle man nun zu Microsoft Teams. Wie ein Lehrer seinen Schülern erklärte er geduldig die Spielregeln – dass man beispielsweise sein Mikrofon stummschalten soll und so weiter. Damit es mit dem Umzug auf das Videokonferenz-Tool auch klappe, gebe es nun so quasi eine Fünf-Minuten-Pause. Wie in der Schule.

Es schien geklappt zu haben, drüben im neuen Tool trudelten SRF-Leute und externe Medienschaffende ein. Fragen wurden aber praktisch keine gestellt. Ich konnte schon gar nicht erst fragen, weil meine Applikation offenbar ein Update benötigte und ich deshalb die virtuelle Hand nicht heben konnte. Die Tücken der modernen Welt.

Anschliessend gab es vertiefende Gespräche mit den Referentinnen und Referenten. Diese fanden in separaten Räumen statt. Alle gleichzeitig. Sechs an der Zahl. Die Medienschaffenden waren also gefordert, sich zu entscheiden, wem man nun den Vorzug geben wollte, um ja nichts zu verpassen. Ich entschied mich für den Raum mit Nathalie Wappler. Beim Call mit der SRF-Direktorin hatten sich vorerst nur gerade zwei Journalisten eingewählt. Mich eingerechnet. Und da die Runde so klein war, hatte dies den Vorteil, dass ich fragen durfte, ohne «aufzustrecken». Technisches Problem gelöst.

Ich weiss, solche virtuellen Konferenzen sind keine Alternative, sondern SRF macht, was unter diesen Umständen machbar ist – und das auch noch professionell. Im letzten Jahr musste SRF auf die Jahres-Medienkonferenz verzichten. Der Shutdown der ersten Welle kam dazwischen. Im nächsten Jahr dürfte die Veranstaltung dann vermutlich wieder in gewohntem Rahmen in einem TV-Studio stattfinden.

Und das ist auch gut so. Berichtenswertes gibt es an Medienkonferenzen nämlich häufig am Rande der eigentlichen Veranstaltung. Da erfährt man beim Apéro nicht selten Informelles von den Referentinnen und Referenten. Da können Gespräche vertieft oder Informationen gewichtet werden – ohne weitere Zuhörer. Und so entstehen Geschichten abseits dessen, was sowieso schon in der zuvor verschickten Medienmitteilung steht. In der Schule waren ja auch die Pausen oder der Fussmarsch zum Schulhaus das Spannendste.



Christian Beck ist Redaktor von persoenlich.com.

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