04.03.2021

Annabelle

«Ich frage mich manchmal, ob ich mich opfern muss»

In aufgefrischtem Gewand: Annabelle und annabelle.ch wollen nach dem Besitzerwechsel neu durchstarten. Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin spricht übers Anecken, die grössten Sorgen und die Frage, ob sie als Märtyerin hinhalten muss.
Annabelle: «Ich frage mich manchmal, ob ich mich opfern muss»
Jacqueline Krause-Blouin führt die Annabelle seit August 2019 als Chefredaktorin. (Bild: Annabelle)
von Edith Hollenstein

Frau Krause-Blouin, vor dem grossen Abbau vor zwei Jahren umfasste die Annabelle-Redaktion noch 39 Stellen. Wie viele sind es heute?
Insgesamt sind wir 25 Mitarbeitende, seit der Übernahme durch Medienart wurden zwei Stellen gestrichen, aber auch acht Personen neu eingestellt. Zudem beauftragen wir viele Freischaffende und können auch auf den Mitarbeiter-Pool der Medienart zugreifen.

Im Besitze von Tamedia war Annabelle mehrheitlich werbefinanziert: Das ist wohl immer noch so.
Ja, daneben sind Abo-Einnahmen weiterhin relevant. Zudem arbeiten wir mit Hochdruck daran, neue Einnahmefelder zu erschliessen.

Von was für Einnahmefeldern sprechen Sie?
Im Bereich Events wollen wir die Marke stärker erlebbar und emotionaler machen. Annabelle bildet ja so viele Themen ab – über Kultur, Mode bis zur Politik. Wir wollen möglichst viele Frauen jeglicher Altersgruppen ansprechen.

«Dadurch, dass wir die Abonnentinnen der mittlerweile eingestellten SI Style übernehmen konnten, gelang es, einen Teil der Auflage zu kompensieren»

Die Auflage der Printausgabe ging bekanntlich stark zurück: Von 71'200 2013 auf 39'700 in 2019. Aktuell liegt sie laut den Mediadaten bei 37’314. Ist nun die Talsohle erreicht?
Wenn Covid-19 nicht wäre, dann könnte ich mit gutem Gewissen sagen, dass die Talsohle wohl erreicht wurde. Doch bekanntlich wurden im ersten Lockdown Coiffure- und Kosmetik-Geschäfte geschlossen – und später durften sie generell keine Magazine mehr auflegen. So auch nicht in Arztpraxen, Spitälern oder teils Hotels. Dadurch, dass wir die Abonnentinnen der mittlerweile eingestellten SI Style übernehmen konnten, gelang es, einen Teil der Auflage zu kompensieren, zwischenzeitlich ja sogar zuzulegen. Und bei den Online-Kanälen konnten wir stark zulegen.

Konnten Sie auch in der Pandemie alle drei Wochen erscheinen, oder mussten Ausgaben ausfallen?
Wir mussten uns zwei Mal auf eine Doppelnummer beschränken.

In Ihren zwei Jahren als Chefredaktorin: Wie haben Sie Annabelle neu positioniert?
Mir ist es wichtig, dass wir keine Angst davor haben, auch einmal anzuecken. Wir stehen für alles, was die Schweizer Frau betrifft. Von Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Lifestyle-Welt, also den schönen Dingen des Lebens, bis zu politischen Themen und allem auf der Welt, was Frauen sonst noch interessiert.

«Alles, was die Frauen interessiert», kann ja sehr vieles sein. Das ist doch keine Positionierung.
Wir sind vielseitig, und es hat auch einen Wert, dass wir mehrere Generationen an Frauen erreichen und unsere Zielgruppe dementsprechend breit ist. Daneben sind mir die Themen Popkultur, Mode und Lifestyle sehr wichtig. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Magazine Modestrecken zeigen, die die Leserinnen einfach so überblättern. Auch in diesem Bereich ist Storytelling extrem wichtig. Ich finde, man merkt, dass wir auch im Modebereich Geschichten erzählen wollen.

«Unser Verlag fordert, dass die Annabelle politisch Position bezieht»

Sie sagten, Sie wollen «keine Angst haben, anzuecken». Wo eckt denn Annabelle an?
Wir wollen künftig wieder politischer sein – anders als damals im Besitze von Tamedia. Dort war es Firmen-Policy, dies nicht zu tun. Unser Verlag Medienart fordert, dass die Annabelle politisch Position bezieht. Zwar nicht parteipolitisch, jedoch immer dann, wenn es um Frauenfragen geht. Wir wollen die Stimme der Frauen sein.

Was sind denn Ihrer Meinung nach die brennendsten politischen Anliegen, bei denen Annabelle sich einbringen wird?
Etwa bei der Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das ist auch für mich persönlich ein riesengrosses Thema. Seit ich vor etwas mehr als zwei Jahren selber Mutter geworden bin, ist diese vorher sehr abstrakte Frage sehr relevant geworden. Annabelle wird vermutlich nicht aus eigenem Antrieb etwa eine Volksinitiative lancieren, doch es ist sehr wahrscheinlich, dass wir mit Interessengruppen kooperieren werden. Die Individualbesteuerung könnte beispielsweise ein Thema für uns sein.

Bei der Abstimmung über die E-ID, übers Verhüllungsverbot und über das Freihandelsabkommen mit Indonesien. Wie stimmen Sie?
Ich selber? Oder fragen Sie nach der Positionierung von Annabelle?

Ich meine Sie selber. Sie sind ja die Chefredaktorin und drücken dem Blatt auch politisch den Stempel auf. Oder nicht?
Bei der Verhüllungsinitative bin ich stark hin- und hergerissen – wie sonst eigentlich nie, denn ich weiss meist sehr genau, wie ich abstimmen werde. Schliesslich habe ich mich für ein Nein entschieden.

Und bei der E-ID und dem Freihandelsabkommen?
Bei der E-ID habe ich Ja gestimmt. Beim Indonesien-Abkommen bin ich unentschieden. Aber das ist nicht die politische Meinung von Annabelle, sondern meine als Privatperson.

«Als Frau in einer Führungsposition daneben ein kleines Kind zu haben, ist tatsächlich eine Challenge – das muss ich schon sagen»

Alle drei wären doch Themen für Annabelle. Oder sind sie zu wenig frauentypisch?
Genau: Wir haben über alle berichtet. Besonders die Verhüllungsinitative deckten wir breit ab, vor allem im Online – und es lief extrem gut. Unsere Nahost-Expertin Helene Aecherli hat ein Meinungsstück zur Verhüllungsinitative verfasst, gleichzeitig beleuchteten wir auch die andere Seite. Wir wollen unseren Leserinnen den Entscheid, was nun richtig oder falsch ist, nicht vorgeben, sondern sie möglichst neutral informieren und zur Meinungsbildung beitragen. Es freut mich immer, wenn die Leute realisieren, dass die Annabelle nicht nur für Lippenstift und Fashion steht. Denn wir haben manchmal weiterhin ein Image-Problem. Es ist noch nicht bei allen Leuten angekommen, dass wir kein klassisches Frauenheftli sind. Ich will hier nochmals festhalten, damit das ein für alle Mal klar ist: Wir haben keine Diät- und Fitnesstipps mehr!

Sie haben sich bei Ihrem Amtsantritt wie folgt zitieren lassen: «Ich bin stolz, dass mit mir eine junge Mutter Chefredaktorin ist und werte das als wichtiges Signal in Zeiten der Frauenbewegung.» Was hat Ihre Ernennung denn für eine Signalwirkung?
Ich bin tatsächlich in der 83-jährigen Geschichte der Annabelle die erste Chefredaktorin mit einem Kind. So jedenfalls hat man es mir gesagt. Das ist doch eigentlich skandalös. Insofern: Als Frau in einer Führungsposition daneben ein kleines Kind zu haben, ist tatsächlich eine Challenge – das muss ich schon sagen. Aber es ist mir wichtig zu zeigen, dass es geht. Jüngere Kolleginnen bestärken mich darin und sagen: «Es ist so gut, dass du das so machst.» Gleichzeitig frage ich mich manchmal, ob ich mich opfern muss, damit das System besser wird. Jede Frau in einem zeitaufwändigen, anspruchsvollen Job fragt sich, wie viel sie dazu beitragen muss, damit sich das System verändert. Man fragt sich: Muss ich quasi eine Märtyrerin sein, dafür, dass die Situation irgendwann einmal besser wird? Und ich habe nur ein Kind! Es kann doch eigentlich nicht sein, dass Familie und Kinderbetreuung in unserem Land komplett Privatsache sind, wenn andererseits etwa unser Rentensystem eben auf diesem System Familie aufbaut. Zudem frage ich mich: Bereue ich es vielleicht irgendwann, dass ich jetzt, wo mein Kind so klein ist und die Basis für eine gute Beziehung gelegt wird, so viel arbeite?

Ist diese Frage nach der Beziehung zum Kind Ihre wichtigste Sorge momentan?
Ja, das ist ein wichtiger Gedanke, der mich persönlich immer wieder beschäftigt, etwa auch damals, als ich zurückkam aus der Mutterschaftszeit. Diese dauerte, ich war damals noch bei Tamedia angestellt, nur gerade 16 Wochen – also viel zu kurz. Wenn jemand an den Arbeitsplatz zurückkehrt, der jedoch gleichzeitig in der Nacht drei bis vier Mal aufstehen muss, und vom Arbeitgeber volle Leistung erwartet wird, ist doch klar, dass ein strukturelles Problem vorliegt.

«Ich frage mich: Muss ich quasi eine Märtyrerin sein, dafür, dass die Situation irgendwann einmal besser wird?»

Der Arbeitgeber darf das doch voraussetzen, und eine Frau muss sich halt organisieren oder entscheiden: Kann sie beides leisten oder nicht.
Ich habe das Glück, einen Partner zu haben, der zuhause ist. Er arbeitet als Freelancer, daher kann er sich gut um unser Kind kümmern. Oft höre ich von anderen Frauen, was für ein Glück ich mit ihm hätte. Dabei denke ich jeweils, dass so viele Frauen zuhause blieben und niemand auf die Idee käme, dass man ihnen ein Kränzchen winden müsse. Es ist doch paradox: Männer, die nur einen einzigen Papa-Tag in der Woche haben, werden als Supermen abgefeiert, während Frauen mit nur einem Mama-Tag als Rabenmütter abgestempelt werden.

Nun verpassen Sie Annabelle einen Relaunch. Warum?
Unsere letzte Auffrischung war 2015 und nach so langer Zeit realisierten wir, dass sich unser Auftritt nicht mehr ganz so fresh anfühlte. Zudem hat die Chefredaktion sehr viele neue Ideen, die auch optisch sichtbar sein sollen, und bei unserer Website war ein Relaunch besonders nötig. Nun haben wir eine tolle neue Site mit einem modernen Video-Player und einer praktischen Kommentar-Funktion und vielen neuen Rubriken.


Zu deren Promotion veröffentlichten Sie Anfang Woche eine Studie über Frauen in der Schweiz. Oder warum haben Sie Sotomo diesen Auftrag erteilt?
Wir wollten wissen, wie es den Frauen geht – nicht nur unseren Leserinnen, sondern den Frauen in der ganzen Deutschschweiz. Selbstverständlich erhoffen wir uns, die Ergebnisse als Basis für spannende Annabelle-Geschichten nutzen zu können.

Welche Ergebnisse haben Sie überrascht?
Mich hat zum Beispiel regelrecht verblüfft, dass Frauen, wenn sie die Organisation der Erwerbsarbeit ganz frei wählen könnten, mehrheitlich das 50:80-Modell wählen würden. Das heisst: Familienfrauen träumen davon, selber 50 Prozent zu arbeiten, während ihr Mann 80 Prozent arbeitet. Dieses altmodische, traditionelle Rollenbild ist also noch viel stärker verbreitet, als ich es vermutete. Hinzu kommt, dass diese Wünsche auseinanderklaffen mit der Forderung nach Chancengleichheit im Job und finanzieller Eigenständigkeit.

«Wie viele andere Frauen habe ich in früheren Positionen Sexismus erlebt bis hin zu sexueller Belästigung. Das ist ein verbreitetes Problem, das vielen Männern nicht als Problem bewusst ist»

Bezüglich Chancengleichheit im Job: Fühlen Sie sich selber ebenfalls benachteiligt männlichen Arbeitskollegen gegenüber?
Nein, ich in meiner Funktion sehe keine Nachteile gegenüber Männern. Ich wurde in meiner Karriere sowohl von männlichen als auch weiblichen Mentor-Personen unterstützt. Mein angestammtes Fach, der Musik- und Kulturjournalismus, war und ist noch immer sehr stark in Männerhand. Und wie viele andere Frauen habe ich in früheren Positionen Sexismus erlebt bis hin zu sexueller Belästigung. Das ist ein verbreitetes Problem, das vielen Männern nicht als Problem bewusst ist.

Denken Sie, dass Sie gleich viel verdienen wie ein Mann an Ihrer Stelle?
(lacht) Ich denke schon. Im Verwaltungsrat sitzt Brigit Langhart, sie ist definitiv eine Feministin und wird sich sicher dafür eingesetzt haben, dass mein Lohn nicht geringer ist als derjenige eines Mannes in der gleichen Position.



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Kommentare

  • Jacqueline Krause-Blouin, 05.03.2021 10:09 Uhr
    Das stimmt absolut @Priska Amstutz. Annabelle hat auch unter der Ägide von Silvia Binggeli immer wertvolle politische Arbeit in Frauenfragen geleistet. Mir geht es jetzt vor allem darum, dass die Arbeit der annabelle auf dem Gebiet (seit 83 Jahren) endlich in allen Köpfen ankommt und man ein Magazin, nur weil es sich auch mit Lifestyle beschäftigt, nicht als „Blättchen“ abtut. Herzlich, Jacqueline Krause-Blouin
  • Victor Brunner, 05.03.2021 08:40 Uhr
    Krause-Blouin: "Wir wollen künftig wieder politischer sein – anders als damals im Besitze von Tamedia. Dort war es Firmen-Policy, dies nicht zu tun". Eine peinliche Aussage zu TA Media. Keine politischen Aussagen, keine Meinungen zu politisch aktuellen Themen. Das war nichts anderes als Zensur! Nun ist auch verständlich warum die Zeitschrift bei TA Media floppte. Den Annabelle-MacherInnen wünsche ich Erfolg. Das Kind "Annabelle" kann sich in der Freihheit besser entwickeln als unter dem Diktat von diskussionsfeindlichen Männern von der Werdstrasse.
  • Priska Amstutz, 05.03.2021 06:20 Uhr
    Ganz viel Erfolg dem ganzen Annabelle-Team, die ersten Eindrücke sind toll. Als ehemalige Mitarbeiterin möchte ich ergänzen: die Annabelle war früher, unter anderem unter der Leitung von Lisa Kämmerling Feldmann (die ausserdem zwei Stiefkinder hat), durchaus politisch und schon da nicht mit klassischen Frauenheftli zu vergleichen. Annabelle hat sich eingemischt in relevante politische Diskussionen, z.B. um das Waffengesetz oder hat in einer ganzen Ausgabe eine Frauenquote auf VR-Ebene gefordert. Die genannte Firmenpolicy galt wohl für letzten Jahre, aber mir scheint etwas unfair, die Errungenschaften und Bedeutung der Zeitschrift in den langen Jahren davor zu schmälern.
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