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Dampfkessel Corona

Marlis Prinzing

Krasse Verbalattacken auf Forschende, die ihre Befunde zu Covid-19 veröffentlichten, Ignoranz der Politik, wenig Unterstützung aus Hochschule und Fach: Die bei einer Fachtagung zum Dialog zwischen (Kommunikations-)Wissenschaft und Gesellschaft aufgetischte Bilanz alarmiert, weil das Thema alle betrifft und weil Vertrauen in Wissenschaft und Medien ein Schlüssel für ein gelingendes Miteinander ist.

Die Vorkonferenz zum Thema: «Öffentliche Kommunikationswissenschaft in Zeiten der Covid-19-Krise» fand im Rahmen der «DACH 21» statt, einer drei Länder übergreifenden Tagung der Kommunikationswissenschaft Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, die virtuell in Zürich abgehalten wurde.

Happige Kritik erhielt die Politik, hier fokussiert auf die Schweiz. «Die offizielle Schweiz nahm das Problem nicht ernst», sagte Matthias Egger, Professor für Epidemiologie an der Universität Bern und Präsident des Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds sowie erster Präsident der Covid-19-Taskforce des Bundesrates. Der Bundesrat habe sich «nie Zeit genommen, die Taskforce anzuhören», und sich seiner Wahrnehmung nach nicht dafür interessiert, das medizinische Problem zu verstehen. Er selber sei dann als Taskforce-Präsident zurückgetreten, weil er befürchtet habe, dass der Nationalfonds durch dieses Engagement Schaden nehmen könnte.

«Cyber Army» für Journalismus

Egger bezog zudem im Dialog mit Wissenschaftsjournalist Beat Glogger Position. Die beiden analysierten Erfahrungen mit der Pandemie aus den Blickwinkeln der Wissenschaft, des Journalismus und speziell des Wissenschaftsjournalismus. Sie unterschieden Akteure, die provozierten, und jene, die resignierten, beispielsweise nachdem einige Medien sie auf Aussagen festnagelten, die lediglich Prognosen und Hochrechnungen zur vermutlichen Zahl von Covid-Toten waren.

Die Wissenschaft rüste als Reaktion auf die Covid-Kommunikationserfahrungen personell auf, schilderte Glogger. Doch das nütze wenig, denn Ansehen oder Legitimität erzeuge man nicht, indem man immer noch lauter sage, wie gut die eigene Arbeit sei. Das müssten andere so wahrnehmen und dann verbreiten, so Glogger, und bot dafür als erste Adresse den Journalismus an: Forschende müssten vor allem Journalisten davon überzeugen, was sie können, und darauf bauen, dass Journalisten dies dann öffentlich machen.

Glogger legte zudem dar, dass Journalismus generell und Wissenschaftsjournalismus speziell mehr finanzielle Absicherung für ihre bedeutsamen Aufgaben benötigen – über eine offizielle Förderung, Stiftungsmittel etc. Und Journalismus müsse wehrhafter werden. Gegen Bots beispielsweise könne man sich am besten wehren, in dem man eine Art «Cyber Army» entwickle – Bot gegen Bot.

Gutes Zeugnis für Journalismus provozierte

«Corona wirkte wie ein Dampfkessel», beschrieb Kommunikationswissenschaftler Thorsten Quandt von der Universität Münster die Lage der Forschung. Er und sein Team haben getan, was oft angemahnt wird: Sie analysierten fast in Echtzeit systematisch die Qualität der Corona-Berichterstattung und veröffentlichten die Befunde rasch und breit. Dies bot eine Chance für Journalismus, daraus zu lernen und Rückschlüsse zu ziehen, und konnte Bürgerinnen und Bürgern als Vergewisserung dienen, wie sehr sie sich auf die Berichterstattung verlassen können.

Quandt und sein Team stellten für die Anfangsphase dem Journalismus ein gutes Zeugnis aus, kritisierten aber für spätere Perioden zum Beispiel eine zu starke Ausrichtung auf die immer gleichen Experten und Expertinnen. All dies trug Quandt zweierlei ein: internationale Resonanz – «Ich war schon überrascht, als mich die Washington Post um ein Interview bat», aber auch rasch massive Kritik. Sie kam von vielen Seiten, weil seiner Einschätzung nach manchen nicht passte, dass er den Medien keine Rundum-Fehlleistung oder kein «Panikorchester» attestierte. Insbesondere aus Kreisen, die Verschwörungserzählungen anhängen, wurde die Kritik rasch verbal sehr verletzend, versehen mit Kraftausdrücken und Drohungen auch bezogen auf das private Umfeld.

Erkenntnispotenzial des Fachs nicht ausgeschöpft

Linards Udris vom Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich zeichnete ein in der Sache ähnliches Bild aus der Untersuchung der Covid-Berichterstattung in Schweizer Medien (persoenlich.com berichtete). Das Thema dominierte bis zu 70 Prozent der Medienberichterstattung, die Qualität sei hoch gewesen, trotz einiger Mängel, beispielsweise bei der Einordnung bestimmter Entwicklungen und durch eine hohe Expertenabhängigkeit, wobei Frauen eher selten zu Wort gekommen seien. Traditionelle Meinungsführer bestimmten die Debatte im Netz.

Insgesamt aber, so Udris, sei das Leistungspotenzial der Kommunikationswissenschaft bezogen auf die Covid-19-Analyse in ihrer Breite relativ wenig wahrgenommen worden. Das fög-Team habe profitiert von der Bekanntheit und Glaubwürdigkeit des «Jahrbuchs Qualität der Medien», schon bei der Vorab-Publikation im Juni 2020 und erst recht bei der Präsentation des Jahrbuchs im Oktober 2020, wo das Medieninteresse wohl gerade wegen der Corona-Thematik noch höher war als sonst.

Die Art des öffentlichen Diskurses bilanzierte er so: «Öffentliche Wissenschaft erzeugt Reibung, aber der Streit bleibt gesittet». Er verglich Öffentliche (Kommunikations-)Wissenschaft mit einem «Service-Public-Auftrag der Wissenschaft», sie erfordere Mut, verlange die Kondition sowohl für den Sprint als auch für den Marathon und funktioniere nur auf der Grundlage empirischer Evidenz. Dieser Punkt wurde in der Abschlussdiskussion noch präzisiert: Grundlagen wie Menschenwürde, Kritik- und Kontrollfunktion von Journalismus etc. gelten als gesetzt und müssen nicht immer wieder aufs Neue belegt werden.

Josef Trappel von der Universität Salzburg bilanzierte eine Untersuchung zur Medienleistung für die Demokratie in 18 demokratisch verfassten Ländern vor dem Hintergrund der Pandemie-Krise. Überall sei die Nachfrage nach Medienleistungen deutlich gestiegen, die Werbeeinnahmen sanken, zusätzliche finanzielle Förderung aus der Politik wurde aufgeworfen.

Teils war diese an keine speziellen Bedingungen gebunden, teils sollte das Geld gezielt in einen Gesundheitskampagnenjournalismus investiert werden, wie es ihn auch in der HIV-Krise gegeben hat. Ausnahme sei Italien, wo statt einer Geldausschüttung über strukturelle Reformen nachgedacht wird. Die Notwendigkeit, Journalismus gegen Online-Hetze zu schützen, steht auch auf der Tagesordnung des offiziellen Launchs dieses «Media for Democracy Monitors 2021» am 15. April. Kritische Reaktionen auf die öffentliche Darlegung der Forschungsergebnisse musste Trappel aber nicht einstecken.

Aufklärer, Warner, Blitzableiter

Öffentliche Wissenschaft bedeutet eine demokratische Verpflichtung, aktiv wissenschaftliche Erkenntnisse zu Themen beizutragen, die eine Gesellschaft umtreiben. Zurzeit ist dies insbesondere Covid-19. Der Auftrag adressiert mehrere: Forschende, die Befunde gut verständlich und zeitnah in die aktuellen Debatten einbringen und damit eine Third Mission leisten, also den öffentlichen Dialog neben Forschung und Lehre als eine Kernaufgabe betrachten; die Hochschulen als Institutionen, die hierfür einen geeigneten Rahmen schaffen sollten; ebenso die Politik.

Die Prinzipien der öffentlichen Wissenschaft gelten interdisziplinär. Für die Kommunikationswissenschaft wurde eine auf dieses Fach zugespitzte Charta entwickelt, die die Eckpfeiler dieser Wissenschaftsauffassung darlegt und nicht nur für Pandemiethemen gilt, sondern auch für Desinformation, Fauxomation, Verschwörungserzählungen, Populismus-Berichterstattung und weiteres.

Public Science-Literacy als Auftrag an Hochschulen

Die Kulturwissenschaftlerin von der Universität Karlsruhe, Caroline Robertson-von Trotha, hat den Begriff der Öffentlichen Wissenschaft im deutschsprachigen Raum seit über einem Vierteljahrhundert in vielfältiger Weise etabliert. Sie legte einleitend zur Tagung in einem historischen Abriss dar, dass Öffentliche Wissenschaft durch Krisenzeiten immer wieder neue Schubkraft erhielt, weil sich dann ihre hohe Bedeutung für den Alltag besonders offensichtlich zeigte und sich offenbarte, was wir verlieren würden, wenn das Vertrauen in die Wissenschaft sinkt.

Um die Jahrtausendwende wurde das Bild der «Wissenschaft in der Gesellschaft» ergänzt durch das Bild der «Wissenschaft für die Gesellschaft». Öffentliche Wissenschaft markiere auch eine Abkehr von PR-Strategien – und eine Orientierung hin zu einer Produktion von Wissen, das für die Gesellschaft nützlich ist, zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Wissenschaft sowie themenabhängig hin zu demokratischen Forschungsansätzen mit Bürgerbeteiligung. Hochschulen, so verlangte Robertson-von Trotha, müssten endlich dringend Anreiz- und Belohnungssysteme einführen für eine «Literacy», also einen Handwerkskasten für die Prinzipien Öffentlicher Wissenschaft, sowie für das Bewusstsein, dass die öffentliche Debatte gut sei für die Wissenschaft.

Ihr Fazit wurde letztlich Konferenzfazit: Die öffentliche Debatte ist zwar gut für die Wissenschaft, aber es gibt einiges zu tun, damit es auch eine gute Debatte ist. Vier Ansatzpunkte: Hochschulen, die den Rahmen schaffen; Politik, die hinhört; Wehrhaftigkeit und Rückgrat von Journalismus sowie eine Kommunikationswissenschaft, die gerade in Krisen nicht nur Blitzableiter ist, sondern sich als Aufklärer und Warner empfiehlt.



Marlis Prinzing ist Professorin für Kommunikationswissenschaft und Medienethikerin. Sie lehrt in Fribourg i. Üe. und in Köln.

Unsere Blog-Autoren vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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