07.04.2021

Mindnow

«Es fehlt an Mut»

Die Schweizer Digitalagentur Mindnow lanciert in Kürze den weltweit ersten digitalen Corona-Selbsttest. Co-CEO Jakob Kaya sagt, wie es um das Projekt steht, er die Kommunikation mit den Behörden wahrnimmt und warum es kein Digitalministerium braucht.
Mindnow: «Es fehlt an Mut»
Nach dem Test kann das Ergebnis via QR-Code mit dem Handy eingescannt werden und über die App «Pass.me» wird dann das Resultat angezeigt. Diese App fungiert dann als Pass. (Collage: persoenlich.com, Hintergrund: pixabay, Bild: zVg.)
von Loric Lehmann

Herr Kaya, Ihre Agentur lanciert demnächst einen digitalen Corona-Selbsttest (persoenlich.com berichtete). Wann genau kann man sich damit testen lassen?
Die Software dafür steht bereit, die Tests werden voraussichtlich gegen Ende April in der Schweiz zur Verfügung stehen.

Sie setzen dabei vor allem auf Eigenverantwortung. Trotzdem besteht das Risiko, dass die Leute beim Testen schummeln, um einen Nachweis eines negativen Tests vorzeigen zu können. Wie gehen Sie damit um?
Natürlich könnten wir Abläufe um weitere Schritte erweitern, zum Beispiel Identifizierungsdienste oder ähnliches implementieren. Aber es ist doch wie immer ein Abwägen: Wir könnten so das öffentliche Leben wieder ermöglichen. Durch die Verfügbarkeit der digitalen Schnelltests können Menschen schnell und einfach einen Befund erhalten und dank «Pass.me» wird dieses Resultat validierbar und nachvollziehbar. Wir lösen logistische Flaschenhälse und könnten Grossveranstaltungen wieder erlauben.

Trotz Schummeleien?
Ich finde, dass wir uns als Gesellschaft ernsthaft die Frage stellen müssen, wie stark wir Eingriff in das Leben jeder einzelnen Person nehmen wollen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wenn eine Person 2 Promille Blutalkohol hat, dann kann diese das Auto trotzdem starten und am öffentlichen Verkehr teilnehmen – und damit andere Verkehrsteilnehmer gefährden. Ein Blutalkoholtest am Zündschloss implementieren wir dennoch nicht. Wir nehmen die schwarzen Schafe zum Schutz unser aller Freiheit in Kauf. Ich finde genau diesen Umgang müssen wir auch mit der Pandemie lernen.

«Wir ‹Digitalen› versuchen, die Herausforderungen ganzheitlich zu betrachten»

Fahren Sie fort.
Der digitale Selbsttest ist eine entscheidende, aber nicht die einzige Massnahme, die uns aus dieser Pandemie führen kann. Maskenobligatorien, Contact Tracing und Abstandsregeln werden wahrscheinlich weiterhin relevant bleiben. Die Entscheidungen überlassen wir aber Experten wie Epidemiologen und schlussendlich den gesetzgebenden Instanzen. Wir versuchen, mit innovativen, praktikablen Produkten einen Teil zur Lösung beizutragen.

Neben der App «Mindful», mit der Kontaktdaten digital registriert werden, einer zentralen Contact-Tracing-Datenbank sowie nun dem digitalen Selbsttest beschäftigen Sie sich gerade intensiv mit der Pandemie. Haben Sie noch weitere Projekte?
In der Tat sind wir seit über einem Jahr intensiv mit der Pandemie beschäftigt. Man könnte fast sagen, wir fühlen uns dazu berufen. Gerade das Thema Selbsttests ist ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel verschiedener Akteure innerhalb der Gesellschaft: Diagnostika-Hersteller kümmern sich darum, die schnellsten, effektivsten, am wenigsten invasiven Tests herzustellen. Das ist ihr Kerngebiet. Unternehmen und Regierungen orientieren sich mit Experten an KPIs und versuchen, die Herausforderungen mit den Instrumenten zu lösen, welche Ihnen zur Verfügung stehen.

Und Sie als Digitalagentur?
Wir Digitalen versuchen, die Herausforderungen ganzheitlich zu betrachten, und verbinden vermeintlich getrennte Silos miteinander. Das ist dann unsere Spezialität. Das Projekt «Pass.me» ist eine typische Antwort auf ein solches Problem. Natürlich haben wir bereits weitere Projekte in Planung, denn die nächsten Herausforderungen sind bereits da.

«Der Föderalismus vereinfacht unsere Arbeit nicht»

Wie nehmen Sie die Zusammenarbeit mit den Behörden wahr?
Es ist völlig klar, dass die Behördenapparate anders funktionieren, wie wir es aus dem privatwirtschaftlichen Umfeld gewohnt sind. Der Schweizer Föderalismus vereinfacht unsere Arbeit, gerade bei einem nationalen, gar globalen Problem wie einer Pandemie, natürlich nicht. Wir setzen uns seit über einem Jahr mit der Corona-Pandemie auseinander, kommunizieren seit Beginn mit Bund und Kantonen. Wir machen Angebote und unterbreiten Vorschläge mit Projekten, die produktiv im Einsatz sind.

Ihr Fazit?
Es mangelt an Verständnis und vor allem auch an Mut. Mut, digitale Wege zu gehen. Gerade in einer derart ausserordentlichen Zeit wie einer Pandemie wären genau diese Eigenschaften notwendig. Aber um eine Lanze für unsere Behörden zu brechen, wir erleben teilweise ähnliche Situationen auch im Markt.

Hinkt die Schweiz bei digitalen Themen in der öffentlichen Verwaltung anderen europäischen Ländern hinterher?
Nein, das denke ich nicht. Alle europäischen Länder kämpfen leider mit ähnlichen Problemen. Mir persönlich ist es ein Anliegen, dass die Herausforderungen anerkannt werden und dass über griffige Massnahmen beraten wird. Ich lese aktuell viel über Gedankenspiele, wie beispielsweise die Umsetzung eines «Digitalministeriums» respektive eines «Amts für Digitalisierung» – das wäre dann das Pendant zum «Chief Digital Officer» im Wirtschaftsumfeld.

«Wir können die Zeit bis zur Herdenimmunität mit digitalen Lösungen überbrücken»

Wäre das so falsch?
Ja, dies geht für mich in eine falsche Richtung. Die Digitalisierung ist kein Bereich, kein Silo, es kann nicht vertikal gedacht werden. Die Digitalisierung ist eine horizontale Aufgabe. Es muss quer durch alle Bereiche absorbiert und verstanden werden. Denn nur so können auch wirklich werthaltige Lösungen entstehen. Hier müsste die Schweiz ansetzen. Es wäre dann fast schon ein Paradigmenwechsel, aber nur so wird es funktionieren. Ich glaube stark daran, dass dies der Schweiz gelingen kann.

Wie optimistisch blicken Sie in die Zukunft?
Ich bin kein Epidemiologe, aber meine Laieneinschätzung ist leider pessimistisch, wenn man so sagen will. Ich erwarte, dass uns Masken, Contact Tracing und – hoffentlich digitale – Schnelltests noch deutlich länger begleiten werden, als wir es uns heute vorstellen können. Ich glaube aber auch, wenn der gesellschaftliche und politische Wille da ist, können wir die Zeit bis zur Herdenimmunität mit digitalen Lösungen wie «Pass.me» gut überbrücken.



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